Ruedi Noser
Ruedi Noser
20.11.2017

Zukunft des digitalen Finanzplatzes Zürich: Mehr Silicon Valley-Groove und weniger Paradeplatz-Chic

Der Finanzplatz Zürich hat zurzeit die grosse und vielleicht einmalige Chance, sich im Zuge der digitalen Transformation neu zu erfinden und für die Zukunft fit zu machen. Die Pharmabranche hat es vorgemacht: dank ihr hat sich Basel in den letzten zehn Jahren zu einem weltweit führenden Biotech-Standort entwickelt. Das gelang nur, weil die Unternehmen frühzeitig und weit über den Tellerrand hinaus blickten, konsequent auf Innovation setzten und sich nicht davor fürchteten, alte Zöpfe abzuschneiden. Nun hat auch der Finanzplatz die Chance, sich in digitalen Geschäftsfeldern weiterzuentwickeln und neue Märkte zu erschliessen, sei es im Bereich der digitalen Identitätsverwaltung, der Cryptowährungen oder Verträge auf Basis der Blockchain-Technologie.
Einer der wesentlichen Treiber in Transformations- und Krisenzeiten sind Führungskräfte. Im ordentlichen Betrieb eines Unternehmens organisieren sich gut qualifizierte Mitarbeitende selbst. Aber in ausserordentlichen Lagen muss der Top-Manager auf Deck und sein Top-Salär wert sein – dann nämlich, wenn es darum geht, mit Weitblick in unbekanntes Terrain vorzustossen, intelligent zu wachsen und nachhaltig Stellen zu schaffen. Das Gegenteil von Führung ist: resignieren, schwarz malen und abbauen.

Höhere Effizienz und tiefere Kosten mögen wünschenswerte Folgen einer zukunftsfähigen Strategie sein. Ein Ziel oder eine Strategie per se sind sie aber nie. Und wer Investitionen in die Digitalisierung nur unter dem Aspekt der Effizienzsteigerung versteht, hat bereits verloren.

Die Banken haben einen besonders schweren Stand, kommen sie doch aus dem dank
Bankgeheimnis geschützten Schweizer Markt mit brutaler Geschwindigkeit in einen globalen Markt. Negativ gedacht verlieren die Schweizer Banken einen Wettbewerbsvorteil, positiv gedacht steht ihnen dank der Digitalisierung nun der ganze Weltmarkt offen. Nur Verlierer sehen Länderregulierungen als Eintrittsbarrieren, Gewinner verstehen, dass man mit einer generischen abgebildetes Regulierung durchaus die Welt erobern kann, gerade aus der Schweiz heraus: Denn Finanzgeschäfte brauchen Vertrauen und dafür stehen die Schweizer Banken.

Die Digitalisierung als Chance zu begreifen heisst, hungrig zu sein und den Mut zu haben, neue Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln. Es heisst auch, neue Geschäftsmodelle und Technologien auszuprobieren, mit dem klaren Ziel, den Weltmarkt zu adressieren. Das gelingt nur mit intelligenten Köpfen, die vom Unternehmen den Freiraum und die Verantwortung erhalten, ihre Fähigkeiten zu nutzen und ihr Potential in kreative Ideen umzusetzen. Silo-Denken, Hierarchien, Kleidervorschriften und fehlende Du-Kultur schaden dabei ebenso, wie verzagte Abbau-Rhetorik aus der Teppichetage. Die besten Talente wollen in Firmen arbeiten, welche die Herausforderungen der Zukunft mutig angehen und mit intelligenten Strategien als Sieger meistern wollen. Kostensenkungs- und Abbauprogramme ziehen keine digitalen Talente an. Investitionen in die Technologie sind Investitionen in die Zukunft und nicht bloss Kosten, die den Quartalsabschluss belasten. In diesem Sinne habe ich als Ständerat des Kantons Zürich eine Bitte: Liebe Kapitäne des Finanzplatzes Zürich: Unser Bankenplatz braucht etwas mehr Silicon Valley-Groove und etwas weniger Paradeplatz-Chic.