Ruedi Noser
Ruedi Noser
07.12.2017

Ich bin ein Unternehmer-Dinosaurier

Dieses Jahr besuchte ich die Start-up Messe SLUSH in Helsinki. Hunderte hoffnungsvolle Startups aus aller Welt präsentierten dort ihre Geschäftsideen. Daneben treten erfolgreiche Unternehmer und Forscher auf und berichten, wie sie es geschafft haben, wo ihrer Ansicht nach der Schlüssel zum Erfolg liegt und wie ihre Forschungsergebnisse nicht weniger als die Welt verändern werden. Das alles spielt sich in einem Ambiente ab, das einem obskuren Darkroom nachempfunden ist; einzig grellbunte Laserstrahlen bringen etwas Licht ins Dunkle. Warum diese Dunkelheit? Wollen die Startups vermeiden, dass ein anderer ihnen ihre Idee und damit die Chance auf das ganz grosse Geld wegschnappt? Ich weiss es nicht. Dicht an dicht drängen sich die 1,5 mal 1,5 Meter kleinen Messeständen, an denen junge Menschen stehen, die es kaum erwarten können, ihre Idee mit der Welt zu teilen. Die Dunkelheit verwischt ihre Gesichter; Die Leidenschaft, die ihre Augen zum Leuchten bringt, wenn sie von ihrer Geschäftsidee sprechen, kann ich leider nicht sehen.

Ich sehe drei junge Menschen, sie mögen etwa 18-jährig sein, und frage mich unvermittelt: "In was für einer Realität meinen die zu leben?" Das ganze Bild ist so unwirklich und surreal, als ob man sich in einem Virtual Reality Film bewegt, bloss ohne die entsprechende Brille. Sind diese Menschen tatsächlich die erfolgreichen Gründer, welche die Arbeitsplätze und den Wohlstand von morgen schaffen? Oder sind das naiv-verträumte Hänsel und Gretel, die sich hier in einem dunklen Wald aus konstanter Reizüberflutung, verlockenden Illusionen und verführerischen Versprechungen verlaufen haben? Oder habe ich mich hierher verirrt, als einer, der zwar Unternehmer ist, aber schlicht und einfach zu alt, um das Unternehmertum von heute zu verstehen. Bin ich ausgestorben, ohne es zu bemerken?

Mein Bruder und ich gründeten ein Unternehmen zu einer Zeit, als der Begriff „KMU" noch nicht existierte. Es gab weder Seedmoney noch Business Angels. Doch all das vermissten wir nicht, denn das Gründerleben war einfach: Wir mussten das, was wir können und das, was für uns erreichbare Kunden brauchen so zu einem Angebot kombinieren, dass wir aus dem Verkauf die Löhne bezahlen konnten. Blieb etwas übrig, verbesserten wir damit unser Angebot. An Messen stellten wir unsere Produkte aus - nicht uns selbst. Zeit, um an Accelerator-Programmen teilzunehmen, sich an Wettbewerben zu beteiligen oder sich um einen Award zu bewerben, hatten wir nicht. Wir wollten zwar auch gewinnen, aber keine Auszeichnung und kein Programm, sondern neue Kunden und neue Aufträge. Das war unser Fokus. Ja, auch wir wollten wachsen. Wir wussten, ein Wachstum von jährlich 15% kann man aus eigenen Mitteln finanzieren. Und wir rechneten, wenn man mit 15% wächst, ist das Unternehmen nach fünf Jahren doppelt so gross. Wir erreichten in unserer 33 Jährigen Geschichte sogar noch etwas mehr. Unser Grundsatz der Unternehmensführung war simpel: Nur wer mitarbeitet, hat etwas zu sagen. Sprich, wer nicht in der Firma arbeitet, soll keinen Einfluss haben. Das ist eine klare Absage an Bankkredite (die wir zwar brauchten, aber immer so schnell wie möglich zurückbezahlten), an Investoren (wenn ich mit Leib und Seele das unternehmerische Risiko trage, will ich den Gewinn nicht teilen) und an Aktionäre, die nicht mitarbeiten. Jetzt, wo ich Ständerat bin und kaum mehr Zeit habe, aktiv mitzuarbeiten, zähle ich immer mehr zu denjenigen, die nichts zu sagen haben, unabhängig davon, dass die Firma nach wie vor mir gehört.

Und welche Ziele haben diese Jungunternehmer? Sie wollen Investoren von ihren Ideen überzeugen, sie wollen Mitbeteiligte, die sie coachen und ihnen helfen, ihr Produkt weiterzuentwickeln, den Markt besser zu verstehen und dafür sorgen, dass ihr Startup möglichst schnell von Google, Facebook oder irgendeinem anderen Giganten gekauft wird. Kunden, die bereit sind einen Preis für das Produkt zu zahlen, der die Kosten deckt? Fehlanzeige. Das scheint heute eine abstruse Idee zu sein - so was von gestern. Heute bietet man kein Produkt an, sondern eine Idee. Man deckt kein Bedürfnis, sondern schafft eines. Und man verkauft nicht an Kunden, sondern an Investoren.

Etwas irritiert tauche ich aus der Dunkelheit auf, zurück ins winterliche Helsinki. Die schneidend kalte Winterluft klärt den Schleier, den die neonfarbigen Laserstrahlen und das aufgeregte Stimmengewirr in der dunklen Startup-Höhle zurückgelassen haben. Meine 33 Jahre Erfahrung als Unternehmer scheinen nicht mehr gefragt zu sein. Ich erinnere mich an einen Besuch bei einem Startup Investor im Silicon Valley. Von zwanzig Investments gehen zehn Konkurs, acht bis neun verdienen knapp das Geld, das man in sie investiert hat. Aber mittelfristig muss man diese entweder verkaufen, das Management auswechseln oder umstrukturieren. Und nur ein einziges Startup hebt wirklich ab und startet durch. Und ich als einer, der 33 Jahre lang in ein und derselben, in meiner eigenen Firma gearbeitet habe, denke: "Wenn ich zwanzig Firmen betreuen würde von denen nur eine einzige erfolgreich ist, während neunzehn den Bach runter gehen, würde mich das dermassen deprimieren, dass ich wohl einen Psychiater bräuchte."

Zum Glück bin ich heute zu alt, um als Jungunternehmer durchzugehen und zum Glück hat uns niemand beraten oder gecoacht, als wir vor 33 Jahren unser Firma gründeten. Und zum Glück gab es damals noch keine Investoren, Mentoren und Coachs, die in uns nur ein spekulatives Investment sahen, und die bereit waren, neunzehn Firmen fallen zu lassen, nur um einer eine Zukunft zu schenken. Mein Bruder und ich hofften nicht darauf, entdeckt und in einem Inkubator aufgepäppelt und für die Realität fit gemacht zu werden. Wir glaubten an unsere Fähigkeiten und unser Unternehmen. Wir wollten nicht die nächste Sternschnuppe am Startup-Himmel sein, sondern durchhalten und eine langfristige Existenzgrundlage schaffen für uns und unsere Mitarbeiter. Wir wollten keine Wette sein zum Kurs von 1:20, sondern eine erfolgreiche Unternehmung.