Ruedi Noser
Ruedi Noser
03.09.2017

Burning Man Festival

Im Januar dieses Jahres haben wir Marian Godell, CEO des Burning Man Festivals, ans WorldWebForum, die Punk-Version des WEF Davos, eingeladen. Diese Einladung führte im Vorfeld des Forums, an dem sich Creativity und Zukunft treffen, zu einigen Diskussionen: Warum bekommt der CEO des grössten und wohl verrücktesten Festivals der Welt ein Plattform an einer Business-Konferenz? Und was ist das überhaupt für ein Festival? 70’000 Menschen leben während einer Woche in einer unwirklichen Umgebung auf einem ausgetrockneten Salzseein der Wüste Nevadas. Trotz Temperaturen von bis zu 40 Grad und Sandstuermen leben sie nach eigenen Regeln friedlich zusammen und lassen ihren Emotionen und ihrer Kreativität freien Lauf.

Nun, ich wollte es wissen und habe mich angemeldet. Nicht für die ganze Woche, sondern nur für drei Tage. Anderes liess die Agenda mit dem dichten Programm an Kommissionen nicht zu. Von Reno, der glitzernden Casino-Stadt im Bundesstaat Nevada, reist man rund 200 Kilometer ins Nichts. In dieser unwirtlichen, trocken-heissen Umgebung taucht plötzlich eine riesige, halbkreisförmige Zeltstadt auf: Willkommen in Black Rock City.

Irrsinn, für eine Woche wird lastwagenweise Material angeschleppt, jeder Tropfen Wasser muss meilenweit hertransportiert werden. Strom, Benzin, Gesundheitsversorgung, Kommunikation und Entsorgung - eine ganze städtische Infrastruktur wird für eine Woche aus dem trockenen Wüstenboden gestampft. Und es gibt keinen Staat, der das macht; jeder muss für sich selbst Verantwortung tragen - radical self-reliance nennt sich das im Burner-Slang. In der temporären Stadt gibt es ausser Eis (zum Kühlen) und Kaffee nichts zu kaufen. Man lebt also eine Woche lang ganz ohne Geld, tauscht, lädt ein und wird eingeladen, bekommt Hilfe und hilft.

Als Schweizer ertappt man sich dabei, wie man sorgenvoll Fragen stellt nach der Sicherheit, nach der medizinischen Versorgung, nach dem Umgang mit Alkohol und Drogen. Es gibt weder Polizei noch Security in Black Rock City. 150 Freiwillige Ranger sind sichtbar präsent und unterstützen bei Fragen oder kleineren Streitigkeiten im Camp. Es gibt einen 24h Notfalldiest für Unfälle und Krankheiten und der Umgang mit Alkohol und Drogen scheint kein grösseres Problem zu sein.

Warum funktioniert das? Ein Teil der Antwort mag in dieser unwirtlichen, fast surrealen Umgebung liegen: man kann nur leben und überleben, indem man sich zu Gruppen zusammenschliesst und sich gegenseitig hilft. Ein anderer wichtiger Teil, der zum friedlichen Zusammenleben beiträgt, sind die Kunstwerke, die auf dem ganzen Festival-Gelände aufgebaut sind. Rund 20’000 Personen sind in den Bau und Betrieb der Kunstwerke involviert. Diese beiden Faktoren tragen meines Erachtens ganz entscheidend zu einem friedlichen und praktisch problemlosen Zusammenleben während einer Woche bei.

Als Schweizer braucht man ein paar Stunden, um anzukommen, sich einzulassen und einzutauchen. Man schaut dem ganzen Treiben erst ungläubig und skeptisch zu, fragt sich, wo der Sinn der ganzen Sache liegt und was diese Menschen wohl zusammenbringt. Dann, in der wohltuend kühlen Nacht, fährt man hinaus in die Wüste und sieht die vielen Kunstwerke: Es gibt Schrilles und Leises, Oppulentes und Schlichtes, technische Wunderwerke und einfache Materialien. Man steht da, staunt und wird still. Erst am zweiten Tag nimmt man die Menschen wahr. Alle sitzen zusammen, ohne Selfies, ohne E-Mail ohne Handy. Die Welt steht still, bleibt draussen, es zählt nur, wer da ist und diesen Moment miterlebt. Es hat Platz für ernsthafte und tiefsinnige Gespräche ebenso wie für Frotzeleien und Witze. Man lernt sich kennen, schliesst Freundschaften. Einige kennen sich schon seit Jahren, und sehen sich immer wieder am alljährlichen “Familientreffen”. Im Staub und Dreck zählen weder Kleidung, Status noch Beruf, sondern nur die Person, der Charakter und die Natürlichkeit.

Nach drei intensiven Tagen kommt die lange Reise zurück in die Zivilisation. Erst in Reno bemerkt man, dass alle Kleider und Gepäckstücke staubig und dreckig sind. Man braucht Stunden, bis man wieder gesellschaftsfähig aussieht und eine Airline überhaupt das Einchecken erlaubt. Dann der lange Rückflug. Zuhause kommt man an in einer Welt, die man eine Woche lang nicht gebraucht und nicht vermisst hat. Vierzig Anrufe in Abwesenheit, hunderte E-Mails, die sich in der Mailbox wichtig machen, aber sich zur grossen Mehrheit inzwischen selbst erledigt haben. Man schaut die Dinge anders an als vorher. Alles, was da ist, kann man entbehren. Vieles, was man besitzt, wäre nicht nötig, wenn man mehr teilen würde. Burning Man hat mein Leben nicht grundsätzlich verändert, doch ich schaue heute anders auf den Alltag, habe Distanz gewonnen. Ein Erlebnis, das ich gerne wiederholen möchte.